
Manipulation und Psychohistorie sind auf verschiedene Weise miteinander verbunden. So kann die Manipulation die Betrachtung historischer Vorgänge unter psychologischen und psychoanalytischen Aspekten beeinflussen. Die Psychohistorie ist in der Lage, Manipulationen bei der historischen Quellenarbeit aufzudecken. Die Verbindung von Manipulation und Psychohistorie eröffnet neue Möglichkeiten, historische Ereignisse zu beurteilen.
Manipulation
Die Manipulation ist psychohistorisch von Bedeutung. Deshalb bedarf sie zunächst der Definition.
Definition der Manipulation
Die Definition hat drei Erscheinungsformen.
Nach der allgemeinen Definition ist die Manipulation eine gezielte Beeinflussung des Verhaltens anderer, die häufig verdeckt stattfindet. Sie dient zur Einschränkung oder zur Ausschaltung der Entscheidungsfreiheit, damit der Manipulator seine eigenen Ziele erreichen kann. Dazu nutzt er Emotionen, Asymmetrien von Informationen oder soziale Techniken aus.
Der Manipulator profitiert direkt von der Manipulation des anderen.
Die psychologische Definition sieht in der Manipulation eine gezielte soziale Einflussnahme zum Erreichen fremder Ziele. Sie ist verdeckt und von den Betroffenen nicht wahrzunehmen.
Nach der publizistischen Definition ist die Manipulation eine Täuschung.
Techniken der Manipulation
Folgende fünf Techniken der Manipulation sind am häufigsten:
Informationsverfälschung: Informationen werden verfälscht. Dazu gehören auch das Auslassen und das Verschweigen wesentlicher Nachrichten.
Ausnutzung von Emotionen: Schuld wird beim Opfer erzeugt, Angst geschürt oder ihm wird geschmeichelt.
„Fuß in der Tür“ ist eine Technik der Manipulation. Zunächst wird eine kleine Bitte gestellt. Sobald sie erfüllt ist, folgt die nächstgrößere Bitte. Das Opfer weiß also nicht, was der Manipulator wirklich will. Deshalb sind dieser Technik keine Grenzen gesetzt.
„Tür ins Gesicht“ (Door-in-the-face) ist eine psychologische Technik, die auf der Reziprozität, dem Prinzip der Gegenseitigkeit, basiert. Es wird eine deutlich zu hohe Forderung gestellt, die abgelehnt wird. Die Tür wird vor der Nase zugeschlagen. Danach wird eine gemäßigte Forderung erhoben, die erfüllt wird. Die Reziprozität führt beim Ablehnenden zu Schuldgefühlen. Er hält sich für verpflichtet, der kleineren Forderung zuzustimmen, nachdem er die größere Forderung zurückgewiesen hatte. Diese Technik hat nur eine begrenzte Wirkung.
Gaslighting ist eine Form psychischer Manipulation, die Selbstzweifel beim Opfer erzeugt. Absprachen werden abgestritten. Beleidigungen werden als Spaß abgetan.
Folgen der Manipulation
Die Folgen der Manipulation treffen das Opfer, weil es die falsche Entscheidung getroffen hat. Doch es gibt auch Nebenfolgen, die in Wirklichkeit die vom Manipulator anvisierten Folgen sind. Sie betreffen die Persönlichkeit des Opfers („Es heißt nicht mehr: Das war falsch, sondern: Du bist falsch“, Welt, 16.02.2026).
Die Manipulatoren haben sich zu einer Gruppe der Selbstgerechten herausgebildet. Sie verzeihen sich selbst alle Fehler und brandmarken die Opfer öffentlich. Diese Selbstgerechten setzen darauf, dass die Asymmetrie der Manipulation die falsche Antwort bewirkt. Die so provozierte Falschauskunft wird nicht nur sachlich an den Pranger gestellt, sondern auch gegen die Persönlichkeit des Opfers ausgeschlachtet. Sie bildet die Grundlage für den Ausschluss des Manipulierten aus dem Gesellschaftsleben. Die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft wird zum Risiko. Es gilt nicht mehr die Rechtsordnung der Gesellschaft, sondern das gesellschaftliche Klima bestimmt den Rahmen, in dem Entscheidungen getroffen werden.
Die Folgen der Manipulation betreffen also nicht mehr nur die falsche Entscheidung des Opfers, sondern auch seine gesellschaftliche Stellung.
Zusammenfassung zu „Manipulation“
Die Manipulation ist eine verdeckte, gezielte, auf Täuschung beruhende Beeinflussung anderer mit dem Ziel, die eigenen Interessen durchzusetzen. Dazu werden fünf gängige Techniken eingesetzt. Die Folgen der Manipulation betreffen nicht mehr nur die manipulierte Handlung, sondern richten sich gegen die Persönlichkeit des Opfers. Seine persönliche Stellung in der Gesellschaft gerät in Gefahr; denn die Manipulatoren sind selbstgerechte Mitglieder der Gesellschaft, die ihre Manipulationen zum Ausschluss der Opfer aus der Gemeinschaft missbrauchen.
Psychohistorie
Die Psychohistorie ist eine Methode der Geschichtsforschung, die historische Analysen um interdisziplinäre Aspekte zur Interpretation des Geschehens ergänzt.
Psychohistorie – Definition
Die Psychohistorie ist als Anwendung psychologischer und psychoanalytischer Vorgehensweisen auf die Geschichtswissenschaft definiert. Sie sucht, unbewusste Motive der Handelnden durch Rekonstruktion der Vorgänge zu erklären.
Abgrenzung der Psychohistorie zur Psychohistorik
Die Abgrenzung der Psychohistorie zur Psychohistorik ist einer Klarstellung und der deutschen Übersetzung von Psychohistory geschuldet; denn der englische Begriff umfasst beide Übersetzungen.
Die Psychohistorie ist hauptsächlich vom US-amerikanischen Psychiater Robert Jay Lifton (1926 – 2025) als wissenschaftliche Methode verfochten worden. Beeinflusst wurde er dabei vom deutsch-US-amerikanischen Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson (1902 – 1994).
Die Psychohistorik geht auf den russisch-US-amerikanischen Biochemiker und Autor von Sachbüchern und Science Fiktion-Romanen Isaac Asimov (1920 – 1992) zurück. Sie ist eine fiktive Wissenschaft, die auf Basis mathematischer und soziologischer Verfahren Aussagen über das Verhalten großer Gruppen von Leuten trifft.
Forschungsbereiche der Psychohistorie
Die drei spezifischen Forschungsbereiche der Psychohistorie sind:
- Geschichte der Kindheit
- Psychobiografie
- Gruppenhistorie.
Sie bilden ihr kombinatorisches Kerngebiet.
Nutzen der Psychohistorie
Der Nutzen der Psychohistorie liegt in den Einsichten, die sie in emotionale Antriebe von geschichtlichen Entwicklungen verschafft. Antriebskräfte sind einzelne Personen oder Gruppen, die Gewalt oder Massenbewegungen auslösen.
Deshalb eignet sich Psychohistorie zur Persönlichkeitsanalyse von Führungskräften und zur historischen Erforschung von Gruppendynamiken. In der Konfliktforschung dient sie der Untersuchung von Kriegsverbrechen und der Gestaltung einer Versöhnungskultur.
Konkret ist die Psychohistorie zur Behandlung kollektiver Traumata einzusetzen. Präventiv kann sie bei der Auflegung Therapie gestützter Programme gegen Gewalt nützlich sein. Zur Analyse von Konflikten und zu Maßnahmen der Deeskalation kann sie ebenfalls verwandt werden.
Grenzen der Psychohistorie
Ihre Grenzen findet die Psychohistorie in ihrer wissenschaftlichen Methodik. Aufgrund der oft ungesicherten Faktenlage kann sie sich nicht auf empirische Zugänge verlassen, sondern ist auf heuristische Interpretationen angewiesen. Die Ergebnisse können deshalb spekulativ oder unzulässig verallgemeinernd sein.
Kritik an der Psychohistorie
Die Kritik an der Psychohistorie kommt hauptsächlich aus der Geschichtswissenschaft. Sie wirft ihr eine Überbetonung der Psychoanalyse geschichtlicher Ereignisse vor; zu wenig würden die historischen Fakten selbst berücksichtigt; denn soziale Fakten, nicht psychologische Befindlichkeiten prägten die geschichtlichen Abläufe. Die Grenze zur Unwissenschaftlichkeit werde häufig überschritten.
Zusammenfassung zu „Psychohistorie“
Die Psychohistorie ist eine Methode der Geschichtsforschung, die psychologische und psychoanalytische Methoden anwendet. Sie ist von der Psychohistorik zu unterscheiden, die eine fiktive Wissenschaft ist. Das Kerngebiet der Psychohistorie bilden drei spezifische Forschungsbereiche. Der Nutzen der Psychohistorie liegt in ihren Anwendungsmöglichkeiten, nämlich in historischen Analysen und in Gewalt-Therapien. Die Grenzen sind methodisch bedingt, weil die Faktenlage oft unsicher ist. Deshalb bezweifelt die Kritik an der Psychohistorie deren Wissenschaftlichkeit.
Ursprünge der Psychohistorie
Die Ursprünge der Psychohistorie haben neben der bereits geschilderten Begründertätigkeit von Lifton folgenden Verlauf genommen.
Erste Veröffentlichung zur Psychohistorie von Ludwig Jekels
Die erste Veröffentlichung zur Psychohistorie wird dem österreichisch-US-amerikanischen Psychoanalytiker Ludwig Jekels (1867 – 1956) zugeschrieben. Er war als Jekeles geboren und änderte seinen Namen 1903 in Jekels. Er war ein Schüler des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud (1865 – 1939). Seine psychohistorische Veröffentlichung hieß „Der Wendepunkt im Lebens Napoleons“, 1914.
Schlüsselkonzepte zu einer Psychohistorie von Sigmund Freud
Die Schlüsselkonzepte zu einer Psychohistorie lieferte Sigmund Freud mit einigen analytischen Schriften.
„Massenpsychologie und Ich-Analyse“, 1921, ist die erste grundlegende Schrift. Dort beschreibt er die Rolle des Führers, dem die Massen im Herdentrieb folgen. Gestützt auf „Psychologie der Massen“, 1895 von Gustave Le Bon (1841 – 1931), schildert Freud, wie Massen manipuliert werden können. Massen sind die beiden künstlichen Vereinigungen von Menschen, bei Freud sind es die Kirche und das Heer. Dazu gilt: „In den großen, künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist für das Weib als Sexualobjekt kein Platz.“ (Freud, Studienausgabe, IX, S. 131)
„Die Zukunft einer Illusion“, 1927 ist eine, wie von Freud betont, Vorläuferschrift von „Das Unbehagen in der Kultur“, 1930. Die beiden Schriften beschreiben die Abhängigkeit des Ich und sein Verhältnis zur Kultur.
„Der Mann Moses und die monotheistische Religion“: Drei Abhandlungen gelten nur hinsichtlich der Frage, ob Moses Ägypter war, zum psychohistorischen Kanon.
Pioniertätigkeit in der Psychohistorie von Lloyd deMause
Eine Pioniertätigkeit in der Psychohistorie wird dem US-amerikanischen Sozialwissenschaftler Lloyd deMause (1931 – 2020) zugesprochen. Er hatte sich der menschlichen Psyche als Forschungsbereich verschrieben. Das Ergebnis seiner Forschungen sind die drei genannten Kernbereiche der Psychohistorie.
Individualpsychologische Psychohistorie von Alexander und Margarete Mitscherlich
Die individualpsychologische Psychohistorie wurde psychoanalytisch von dem Ärzte- und Psychoanalytiker-Ehepaar Alexander Mitscherlich (1908 – 1982) und Margarete Mitscherlich (1917 – 2017) begründet. In ihrer gemeinsamen Schrift „Die Unfähigkeit zu trauern“ beschäftigen sie sich psychohistorisch mit den Grundlagen des kollektiven Verhaltens im Umgang mit dem Untergang des Dritten Reiches.
Zusammenfassung zu „Ursprünge der Psychohistorie“
Die Ursprünge der Psychohistorie beginnen mit der Veröffentlichung des Freud-Schülers Jekels über Napoleon. Die Schlüsselkonzepte zur Psychohistorie lieferte Freud selbst in verschiedenen Schriften, hauptsächlich in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Die ausgesprochene Pioniertätigkeit hat neben Lifton der Sozialwissenschaftler deMause geleistet. Die Individualpsychologie hat das Ehepaar Mitscherlich zur Psychohistorie in Verbindung gebracht.
Manipulation und Psychohistorie
Manipulation und Psychohistorie sind so zueinander in Verbindung zu bringen, dass sie in der Lage sind, verdeckte Inhalte der Geschichte aufzudecken. Die Pionierarbeit von Robert Lifton zur Psychohistorie ist die Fortsetzung seines Interesses „an der Verknüpfung von Psychologie und Geschichte“ („Die Unsterblichkeit des Revolutionärs“, S. 9).
Grundlage zur Manipulation
Die Grundlage zur Manipulation bildet Liftons früheres Werk „Thought Reform and the Psychology of Totalism: A Study of „Brainwashing“ in China“, 1961. Es beschreibt Gehirnwäsche, mit der die Kommunistische Partei die chinesische Bevölkerung manipuliert hat. Begegnet ist Lifton den Manipulationen durch die Gehirnwäsche bei seinen psycho-therapeutischen Behandlungen aus der Haft Entlassener Festlands-Chinesen. Aus deren Psychotherapie hat er den Begriff „Thought Reform“ („Gedanken-Reform“) als Präzisierung der „Gehirnwäsche“ entwickelt.
Manipulation durch Thought Reform
Die Manipulation durch Thought Reform lädt zur Analyse von Biografien historischer Führer-Persönlichkeiten ein. Unterstützt durch die Psychohistorie erlaubt sie die Aufdeckung von deren verborgenen Motiven und den Bezug zum geschichtlichen Umfeld. Lifton hat mit „Die Unsterblichkeit des Revolutionärs, Mao Tsetung und die chinesische Kulturrevolution“ seinen Beweis angetreten.
Aufdeckung der Manipulation durch die Psychohistorie
Die Aufdeckung der Manipulation durch die Psychohistorie schildert Robert Lifton an Mao in „Die Unsterblichkeit des Revolutionärs, Mao Tse-Tung und die chinesische Kulturrevolution“ von 1970. Er unterzieht den ehemaligen Präsidenten der Volksrepublik China Mao Zedong (1893 – 1976) einer Untersuchung durch die Psychohistorie; eine Psychobiografie ist nicht beabsichtigt (ebda., S. 15).
Lifton – Psychohistorie – Unsterblichkeit
Zum Gegenstand seiner psychohistorischen Arbeit hat Lifton die Unsterblichkeit ausgewählt, weil er sie als Lebensziel von Mao ausgemacht hat. Mao strebt die Unsterblichkeit an, um selbst und mit seinem Lebenswerk über den Tod hinauszuwachsen.
Zu seiner psychohistorischen Analyse hat Lifton den Unsterblichkeitssinn als „Verbindung des Individuums mit der allgemeinen Vergangenheit und Zukunft des Menschen“ (ebda., S.13) formuliert. Daraus hat er verschiedene Formen von Unsterblichkeit wie die symbolische und die revolutionäre Unsterblichkeit (ebda., S.14) abgeleitet. Außerdem hat er die Psychohistorie um die Psychoformation ergänzt. Sie hilft, die Unsterblichkeit von Revolutionär und Revolution in der Wechselbeziehung von Individuum und Kollektiv darzustellen.
Tod des Führers
Der Tod des Führers ist ein Thema der Unsterblichkeit. Wann er bei Mao eintritt, wird er dem chinesischen Volk vorenthalten. Maos Gesundheitszustand ist vital laut dem US-amerikanischen Journalisten Edgar Snow (1905 – 1972), der mit seinen Interviews mit Mao international bekannt geworden ist. Lifton bezieht sich zwar auf Snows Darstellung, bezweifelt sie aber auch. Eine Manipulation ist nicht ausgeschlossen, weil Mao sich keine Blöße geben und Snow seine Beziehung zu Mao nicht aufs Spiel setzen will.
Tod der Revolution
Gegen den Tod der Revolution hilft die Gehirnwäsche, oder, wie Lifton präzisiert, die Thought Reform. Sie ist eine Pression, die vom Modell „Zuckerbrot und Peitsche“ bis zum Entzug der Existenzberechtigung reicht. Welche Form der Reform einzusetzen ist, entscheidet die Partei, verkörpert durch Mao.
Reinheit und Macht
Reinheit und Macht sind zwei Sammelbegriffe der Revolution, deren Inhalt Mao vorgibt.
Der Sammelbegriff der Selbstverleugnung ist die Reinheit. Macht ist die Fähigkeit, Entscheidungen über andere zu treffen. Erläutert werden sie durch die Worte des Vorsitzenden Mao. Ihre weltweite Verbreitung organisiert Lin Biao (1907 – 1971) mit „Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung“, der sogenannten Mao-Bibel, von 1967. Sie sollen zur Unsterblichkeit beitragen. Allerdings fällt Lin Biao in Ungnade und stirbt auf der Flucht vor Mao bei einem Flugzeugabsturz aus bisher nicht geklärten Gründen. Vermutungen sehen allerdings Mao als den Schuldigen an.
Unsterblichkeit der Worte
Die Unsterblichkeit der Worte zur Reinheit und Macht bleibt erhalten. Nach Lins Tod wird die Mao-Bibel auf Veranlassung von Mao umgeschrieben. Hilfreich für die Unsterblichkeit der Worte sind auch Maos Dichtungen. Deren Interprationen sind eine Quelle der Manipulation durch Worte, die durch die Thought Reform unnachgiebig unterstützt werden.
Über das Lebensende des Vorsitzenden wird die Unsterblichkeit seiner Worte nicht hinausreichen, wie Mao nach seinem Machtverlust befürchtet. Er bestimmt seine Nachfolger nicht mehr aus eigenem Antrieb. Die Kommunistische Partei hat längst die Zügel übernommen und in seiner Tradition, aber nach eigenem Gusto die Geschichtsfälschung fortgesetzt. Die Vergangenheit wird der Gegenwart angepasst.
Jenseits des letzten Gefechts
Jenseits des letzten Gefechts tritt die Frage nach der Unsterblichkeit von Mao und der Kulturrevolution auf. Lifton versucht, einer Spekulation über den geschichtlichen Verlauf dieser Unsterblichkeit zu entgehen. Es ist das Jahr 1969, in dem er sein Buch beendet. Erst 1976 stirbt Mao. Die Spekulation ist die Achillesverse der Psychohistorie. Deshalb empfiehlt Lifton der Volksrepublik China, sich von den Exzessen Maos zu erholen (ebda., 197). Es gelingt nicht sofort, aber doch mit Den Xiaoping (1904 – 1997). Er revidiert viele Maßnahmen von Mao.
Dieses Buch von Lifton ist sehr wahrscheinlich in der Volksrepublik China verboten, weil es die Gehirnwäsche zum Thema hat. Jedenfalls ist es im öffentlichen Buchhandel nicht erhältlich. Es wird auch von der chinesischen Suchmaschine blockiert.
Spätere historische Aufzeichnungen zu Mao als Ergänzungen zu Lifton
Spätere Aufzeichnungen zu Mao als Ergänzungen zu Lifton sind zur Betrachtung erforderlich; denn „Die Unsterblichkeit des Revolutionärs“ ist noch zu Lebzeiten von Mao veröffentlicht worden. Sie kann also nichts zur tatsächlichen Unsterblichkeit beitragen.
Neun Kommentare über die Kommunistische Partei, 2004
Im Jahre 2004 erscheinen Neun Kommentare über Kommunistische Partei Chinas. Sie sind eine in einem Buch zusammengefasste Sammlung von Artikeln. Sie ist seit ihrer Veröffentlichung in China verboten wurde. Ihr Besitz steht dort unter Strafe und wird auch strafrechtlich verfolgt. Das Verbot gilt bis heute fort.
Die Manipulation durch die Gehirnwäsche hat die Kommunistische Partei effizient übernommen. Die Gehirnwäsche soll bei der Selbstkritik helfen und deshalb landesweit gewaltsam eingesetzt werden (Dritter Kommentar). Sie wird organisatorisch überwacht, so dass auch Partei-Austritte untersagt werden (Achter Kommentar). Sie wurde sogar von „unverblümt“ zu „raffiniert“ weiterentwickelt (Neunter Kommentar). Lügen werden konzipiert, mit denen die Loyalität des Volkes überprüft wird.
Mitglieder der Falun Gong, einer Bewegung für Wahrheit und Nachsicht, werden „schwer gefoltert“. Zu deren Überwachung wurde sogar das „Büro 610“ gegründet, das über dem Rechtssystem steht (Fünfter Kommentar).
Das Buch liest sich wie eine kommentierende Fortsetzung von Lifton, „Unsterblichkeit des Revolutionärs“. Einzelne Passagen sind der Psychohistorie bevorzugt zugängig.
Jung Chang, „Mao“, 2005
Eine umfassende Biografie über Mao hat die chinesisch-britische Schriftstellerin Jung Chang (*1952) im Jahre 2005 vorgelegt. Geboren und aufgewachsen ist sie im der von Mao beherrschten Volksrepublik China. Nach Beendigung ihrer Ausbildung ist sie zu deren Ergänzung 1976 nach York, England ausgewandert. Dort hat sie 1991 den irischen Historiker John Halliday (*1939) geheiratet, der an „Mao“ durch einige Interviews beteiligt ist.
Das Buch „Mao“ ist sehr ansprechend, Detail reich und kritisch geschrieben. Diese Form hat ihm den Vorwurf eingebracht, eine unwissenschaftliche Anklageschrift gegen Mao zu sein. Es berichtet davon, dass Mao ständig in das Verfassen seiner Biografie durch Snow eingegriffen habe. (ebda., S253 ff). Es liefert auch private Passagen wie Beiträge zum Sex-Leben von Mao (ebda., S. 256 ff). Wie Mao sein Bild in der Öffentlichkeit kultivierte (ebda., S. 758 f), wird anhand von Beispielen aufgezeichnet. Die Einschätzungen, wie Mao einerseits und Nixon sowie Kissinger andererseits sich gegenseitig beurteilt haben (ebda., S. 762 f), werden ausführlich analysiert.
Jung und Halliday haben ein sehr facettenhaftes Bild von Maos Charakter gezeichnet. Seine Sucht nach Manipulation, notfalls über Leichen zu gehen, wird klar beschrieben. Für eine Zuordnung zur Psychohistorie fehlt es allerdings an psychologischer Tiefe. Das Buch „Mao“ ist in der Volksrepublik China verboten.
Henry Kissinger, „China“, 2011
Im Jahre 2011 hat Henry Kissinger (1923 – 2023) sein Werk „China“ herausgebracht, in dem er sich auch zu Mao äußert. Kissinger hat 50 Male die Volksrepublik China besucht und mehrfach Mao getroffen. Seine Charakterisierung ist also aus erster Hand.
Kissinger war unter dem Präsidenten der USA Richard Nixon (1913 – 1994) Sicherheitsberater im Range eines stellvertretenden Ministers und später Außenminister. Nachdem Nixon, Präsident von 1969 -1974, wegen der Watergate-Affäre zurückgetreten war, blieb Kissinger bei seinem Nachfolger Gerald Ford (1913 – 2006) Sicherheitsberater und Außenminister von 1974 – 1977. Der durch Rechtsnachfolge, also nicht durch Wahl, Präsident gewordene Ford unterlag bei der nächsten Präsidentenwahl Jimmy Carter (1924 – 2024), der von 1977 – 1981 Präsident war. Mit der Nicht-Wahl von Ford endete auch Kissingers Tätigkeit.
Vor dem Besuch von Präsident Nixon am 21. Februar 1972 hatte Mao Herz- und Lungenbeschwerden gehabt. Sein Gesprächsstil war elliptisch nach Art des Sokrates (ebda., S.269): „Wahrscheinlich waren die wichtigsten Botschaften jene, die er nicht aussprach.“ (ebda., S.270) Für Kissinger ist „Mao, der Spezialist für Widersprüche.“ (ebda., S. 297)
Bei dem Besuch von Ford im Dezember 1975 konnte Mao nicht sprechen. Seine Dolmetscherin schrieb seine Sprech-Geräusche mit und zeigte ihm die Aufzeichnungen. Mao entschied, was sie übersetzen sollte. „Bei diesen Gesprächen am Rande des Grabes … sarkastisch und scharfsinnig, provokant und kooperativ versuchte er ein letztes Mal, seine revolutionäre Überzeugung mit seinem komplexen Sinn für Strategie in Einklang zu bringen.“ (ebda., 317)
Überlegungen zur Psychohistorie erübrigen sich, da Kissinger Mao aus eigenem Erleben schildert. Mit psychologischem Tiefgang analysiert er Maos Charakter und dessen Hang zu Manipulationen. In der Volksrepublik China ist Kissingers Buch „China“ trotz kritischer Anmerkungen zu Mao erlaubt; denn dort herrscht aus Dankbarkeit ein positives Bild von Kissinger vor, weil er China zum Anschluss an die Weltpolitik verholfen hat.
Desmond Shum, „Chinesisches Roulette”, 2022
Desmond Shum (*1968 in Shanghai, aufgewachsen in Honkong) ging zum Studium in die USA. Nach Beijing zurückgekehrt, stürzte er sich ins Immobiliengeschäft. Dabei lernte er seine spätere Frau Duan Weihong (Whitney Duan) (*1966) kennen, die damals reichste Frau Chinas. Mit ihr stieg er in die Milliardärskaste 2. Ordnung auf.
Der Band von Desmond Shum „Chinesisches Roulette, Ein Mitglied der roten Milliardärskaste packt aus“ ist ein Erinnerungsbuch. Er berichtet über sein Leben in der von der Kommunisten Partei unterdrückten Volksrepublik China. Themen sind Korruption und Diktatur sowie das plötzliche Verschwinden seiner Ex-Frau am 05. September 2017. Whitney Duan war eine begnadete Netzwerkerin im Bereich von chinesischen Familien der Herrschaftskaste. So hatte sie gute Verbindungen zu Wen Jiabao (*1942), dem 6. Ministerpräsidenten Chinas (2003 – 2013). Mit dem Auftreten von Xi Jinping (*1953) sank ihr Stern bis zu ihrem nicht aufdeckbaren Verschwinden. Sie tauchte erst, aber auch nur telefonisch gegenüber Shum, wieder auf, als sie sein Buch verhindern wollte. Über ihren Verbleib bis heute ist nichts bekannt.
„Das chinesische Roulette“ ist eine Projektion von „Die Unsterblichkeit des Revolutionärs“ von Lifton in die Gegenwart. Maos Nachfolger ist Xi Jinping, dessen Umfang der Macht der Machtfülle Maos gleicht. Die Manipulation als politische Methode der Umerziehung reicht über die Thought Reform hinaus, nämlich bis zum plötzlichen Verschwindenlassen nicht umerziehbarer Landsleute. Zur Psychohistorie steht „Das chinesische Roulette“ auf der Stufe von Kissingers „China“. Es ist in der Volksrepublik China verboten. Shum lebt aus Sicherheitsgründen im Ausland.
Zusammenfassung zu „Manipulation und Psychohistorie“
Die Verbindung zwischen Manipulation und Psychohistorie stellt Lifton in seiner Schrift „Thought Reform and the Psychology of Totalism“ her. Darin präzisiert er die Gehirnwäsche zur Denk-Reform. Die Aufdeckung der Manipulation durch die Psychohistorie untersucht er danach am Beispiel von Mao, der nach Unsterblichkeit strebt. Diese Unsterblichkeit macht Lifton zum methodischen Gegenstand seiner Arbeit.
Er bezieht sie auf den Tod des Revolutionärs und der Revolution sowie die „Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung“. Da seine Schrift noch zu Lebzeiten von Mao fertiggestellt ist, gibt Lifton eine Empfehlung für die Zukunft von China ab. Weil diese Empfehlung zur Beschreibung der Unsterblichkeit von Mao nicht ausreicht, ergänzen Aufzeichnungen anderer Autoren den von Lifton erarbeiteten Status der Unsterblichkeit.
Spätere Aufzeichnungen zu Mao als Ergänzungen zu Lifton sind „Neun Kommentare über die Kommunistische Partei“, „MAO“ von Jung Chang/Jon Halliday und „Chinesisches Roulette“ von Desmond Shum. Das erste Werk ruft 2004 zur Rückabwicklung der Revolution auf. Das zweite zeichnet ein abschreckendes Bild von Maos Charakter. Im dritten beschreibt ein Insider das plötzliche Verschwinden seiner Frau, für deren Verschwinden er die Kommunistische Partei in China verantwortlich macht. Alle drei Werke sind in China verboten.
Henry Kissinger hat als Außenminister unter den Präsidenten der USA Richard Nixon und Gerald Ford Mao mehrmals persönlich getroffen. Seine kritischen Schilderungen sind in China erlaubt, weil er dort ein hohes Ansehen genießt.
Call-to-Acton
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Fazit
Manipulation und Psychohistorie können als Mittel verbunden werden, historische Ereignisse zu analysieren. Die Manipulation ist eine gezielte und verdeckte Beeinflussung von Personen, um deren Entscheidungen zum Vorteil des Manipulators abzulenken. Mit verschiedenen Techniken kann sie nicht nur das Entscheidungsverhalten, sondern auch die entscheidenden Personen selbst schädigen. Die Psychohistorie ist eine Methode, mit psychologischen Mitteln die Geschichte zu interpretieren. Dem dadurch ermittelten Nutzen sind Grenzen gesetzt, wenn die historische Faktenlage ungesichert ist.
Die Psychohistorie baut auf Schlüsselkonzepten von Sigmund Freud auf. Robert Lifton hat Manipulation und Psychohistorie zueinander in Verbindung gebracht, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu hat er das revolutionäre Leben von Mao Zedong anhand des Kriteriums der Unsterblichkeit untersucht, soweit sie sein Leben und die Revolution verlängern soll. Da die von Lifton beschriebenen Betrachtungen noch zu Lebzeiten von Mao enden, waren Ergänzungen erforderlich.
„Neun Kommentare über die Kommunistische Partei“ bemühen sich um die Rückabwicklung der Revolution und die Umerziehung des chinesischen Volkes durch eine umgedrehte Gehirnwäsche. Jung Chang liefert ein abschreckendes Buch über Maos Charakter. Beide Bücher sind in China unter Strafe verboten. Henry Kissingers Beschreibungen von Mao, basierend auf seinen persönlichen Treffen, sind nicht unbedingt schmeichelhaft; sie sind aber wegen Kissingers gehobenen Ansehens in China nicht verboten. Desmond Shum, einst zu den chinesischen Milliardären gehörig, schreibt über die Korruption und die ausufernde Gewalt der Kommunistischen Partei in China. Seine Ex-Frau Whitney Duan verschwand 2017 urplötzlich aus ihrem chinesischen Büro. Ihr aktuelles Schicksal ist bis heute ungeklärt.